Schmunzler to go die 6.
Lang ist’s her. Ich erinner’ mich, als wäre es gestern gewesen: Ich werde aus dem Bett geklingelt. Die Augen auf Halbmast sehe ich, wie mir meine liebe Mama voller Freude was entgegenstreckt. Der erste Impuls, als ich den Kuchen mit einem 26-er-Sternspritzer erkenne, ist: „Da stimmt was nicht, das ist ja falsch“. Es laut auszusprechen konnt’ ich mir zum Glück verkneifen, denn Gehirn eingeschalten und nachgerechnet, stimmt’s halt doch, dass ich 2026 genau 26 Jahre alt werde; sah nur so unheimlich viel aus. Wo sind die Jahre hin? Wenn ich heute hier stehe und zurückblicke, scheint mir ein ganzes Leben hinter mir zu liegen und zugleich ein weiteres vor mir. Ich habe keinen Plan, was zwischen dem Moment, als ich geboren wurde und dem jetzigen passiert ist. Vor kurzem war es noch damals und jetzt ist es schon heute. Das Jahr 2000 klingt so weit weg, 26 Jahre so unreal viel.
Alles hat seine Zeit, wohl wahr. Dabei gibt es zumindest in meinem Leben immer wieder Momente, in denen ich mich frage, ob ich mich dabei bloß im Kreis drehe, ob die Zeit an mir vorbeirauscht und ich mein Leben nicht doch aus Versehen verpasse. Manche Jahre sind belebt, voller Freude, vollgepackt mit neuen Bekanntschaften und zahlreichen Sonnenstunden. Andere Jahre scheinen mir monoton, grauer als die vorherigen, ziellos und doch zu schnell vorbei. Auf manche Monate freue ich mich schon das ganze Jahr. Auf andere Monate könnte ich getrost verzichten. Obwohl; wenn ich ehrlich bin, sind es gerade die letzteren, in denen ich merke, was wirklich zählt. Wahrscheinlich, davon gehe ich jetzt einfach mal aus, kennt das jeder. Wahrscheinlich gehört beides zum Leben dazu. An manchen Tagen rauscht das Leben an mir vorbei und ich komm nicht hinterher und an anderen Tagen komme ich mir unendlich vor, als würde mir die Welt zu Füßen liegen und als hätte ich alles im Griff.
Was für eine Illusion. Es liegt so wenig in unserer Hand und jeden Tag begegnen wir Dingen, die wir nicht beeinflussen können. Da ist es wohl oder übel ziemlich sinnlos sich den Kopf mit Warum- und Wann-Fragen zu zerbrechen. Rein nüchtern betrachtet wäre es viel vernünftiger sich einzugestehen, dass so viele Dinge viel mächtiger sind als wir und dass sich jemand viel Größeres darum kümmern wird. Bis zum Schluss wird schon alles so kommen, wie’s kommen muss, oder? Selbst, wenn das nicht immer unserer Vorstellung von Happy End entspricht… Vielleicht gibt es nicht zwingend nur unsere Definition von Glück, Zufriedenheit, Gerechtigkeit und gelungenem Leben – vielleicht bedeuten diese Wörter für jeden etwas anderes und vielleicht überschreitet der wahre Wert dieser Dinge unseren Horizont und die vom Menschen ausgedacht Zeit.
Lang ist’s her, seit dem letzten Blog. Um das zu ändern, sitz’ ich nun auf ein Neues hier und versuche meine Gedanken aufzuschreiben. So oft in den letzten Tagen bin ich hier gesessen. Gesessen trifft’s ganz gut, geschrieben hab’ ich nämlich wenig und wenn dann hab’ ich’s wieder gelöscht, bevor ich meinen Laptop weggepackt habe und zerrissen, bevor ich das Schmierblatt zusammengeknüllt unter den Fernsehtisch geschoben habe. Zugegeben, Ordnung ist nicht so meine Sache – zumindest nicht immer. Und die letzten Wochen gehören zum „nicht immer“ dazu. Das Schreiben ist normalerweise schon meine Sache; dachte ich. Stellt sich heraus: auch das Schreiben liegt mir nicht immer. Ich hör’ euch schon denken „dann lass es halt sein, mit dem Aufschreiben“. Wer nichts zu sagen hat, ist schließlich besser damit bedient, einfach still zu sein; stimmt’s?
Naja, darauf würde ich wohl mit einem klaren Jein antworten. Immerhin hat jeder was zu sagen, da bin ich mir ganz sicher. Allein die Tatsache Tag für Tag aufs Neue Teil dieser sich immer wieder verändernden Weltgemeinschaft zu sein, beschert uns doch allerhand Erzählenswertes. Auf einem gigantischen Erdball durchs Weltall zu schweben und dabei nicht runterzufallen, tja, das nenn’ ich doch ein wahres Wunder und über Wunder lässt sich schließlich viel erzählen, besonders wenn wir sie hautnah miterleben.
Ihr merkt, ich bin davon überzeugt, jeder von uns hätte eine ganze Menge zu erzählen. Auch ich bin da keine Ausnahme. Ich weiß, dass ich was zu sagen habe, doch ich weiß nicht, wie ich’s sagen kann… und welche Worte ich dafür nehmen möchte … und was davon ich wirklich sagen soll…
„Was soll ich sagen …“
Diese Frage habe ich mir oft gestellt, seit wir unserem lieben Tex tschüss sagen mussten. Wahrscheinlich hab’ ich mich deshalb so lange vor diesen Zeilen gedrückt; weil ich bis heute keine Antwort weiß. Wie soll ich Worte für Unbeschreibliches finden? Wir Menschen versuchen so oft Großes mit Worten zu benennen – wir sprechen von Liebe, von Frieden, von Hoffnung. Dabei ist das, was wir meinen viel größer als jedes Wort, das ich kenne; diese Kraft, die entsteht, wenn wir uns wirklich begegnen; wenn wir darauf vertrauen, dass das Leben, die Schöpfung, im Kern gut ist und nach dunklen Zeiten immer wieder Sonnenaufgänge kommen; wenn wir spüren, dass so vieles die Zeit überdauert. Wie soll ich also Worte für Unbeschreibliches finden? Und bin ich schon bereit dafür?
Es ist nämlich so: einmal aufgeschrieben, bekommen die Dinge mehr Wirklichkeit, mehr Bedeutung – so, als wären sie dann nicht wieder änderbar, als wären sie erst dann wahr. Zumindest fühlt es sich so an. Aber was würde Stillschweigen bringen? Was würd’s ändern? Rein gar nichts und deshalb schreib’ ich jetzt was für dich mein lieber Tex, weil du’s mehr als verdienst.
„Mein Tex, was soll ich sagen …?“
Mit dieser Frage im Kopf sitz’ ich nun da und erinnere mich selbst, nicht um den heißen Brei rumzuschreiben. Vor mich her geschoben hab ich’s eh schon viel zu lang’. In der Zwischenzeit was anderes schreiben, war keine Option; nie wieder was zu schreiben auch nicht. Da führt auf kurz oder lang also kein Weg dran vorbei. Ich bin mir nämlich bewusst, dass du es mehr als Wert bist, dass ich es zumindest versuche und das, obwohl kein Wort dieser Welt dir und was du uns bedeutest gerecht werden wird – ich hoff‘ von Herzen, dass du das spürst. Wer weiß, vielleicht, schaust du ja von irgendwo zu und kannst über meine kläglichen Versuche diese Zeilen zu schreiben sogar lachen. Ja, die Vorstellung gefällt mir; dann hätte jedes geschriebene und abermals gelöschte Wort wirklich einen Sinn gehabt.
Du warst so viel länger bei uns, als es die Ärzte für möglich hielten und so viel kürzer, als wir es uns gewünscht hätten… Und so sitz’ ich nun da, 8 Jahre, seit du das erste Mal im Hausflur standest, als ich nach Hause kam. 17 Wochen, seitdem wir die Nachricht erhalten haben, dass sich in deiner Lunge Krebs ausbreitet. Gleich wie damals bei der Hexe, nur schneller, erklärten uns die Ärzte. 2 Jahre seitdem du nach dem Spielen immer mal wieder eine Pause brauchst und 119 Tage, seitdem du aufgehört hast dein normales Futter zu fressen. 55 Tage seitdem ich dich nicht auffangen konnte, als deine Füße auf den Stiegen nicht mehr mitmachen wollten. 55 Tage seit dich die Doktorin eingeschläfert hat. Etliche Tage seitdem ich diesen Text vor mich herschiebe. Und immer noch finde ich das alles ziemlich unbegreiflich, so absurd und surreal. Dass eine Fellnase Krebs kriegt, ist rein statistisch gesehen wahrscheinlich gar nicht so unwahrscheinlich. Zumindest meinte der Tierarzt, das ist bei Hunden ganz „normal“. Es fühlt sich aber nicht normal an. Und dass ihr beide, Tex und Jovi, innerhalb eines Jahres fast dieselbe Diagnose kriegt, naja, klingt wie in einem schlechten Film – einem bei dem ich wütend umschalten würde und vor dem Schlafengehen nochmal betonen würde, wie doof der Film war (so doof, den würd‘ ich nicht mal schauen, wenn ich dafür bezahlt werde).
Ja, nur dieses Mal kann ich nicht umschalten, dieses Mal war es kein Film. Und so sitz’ ich nun da und bin immer noch hin und her gerissen zwischen „wie unfair kann das Leben sein“ und „passt schon“.
Eigentlich, so fühlt es sich an, sollte ich dieses Mal besser vorbereitet sein. Vorbereitet auf das Warten, auf die Unsicherheit, auf das Verabschieden; darauf erneut zu spüren wie wenig wir Menschen doch in der Hand haben. Und bis zum letzten Tag hab ich’s doch ziemlich gut hingekriegt. Ich war bereits geübt darin im Moment zu bleiben und die letzten Wochen zu genießen. Ich wusste: „Für’s traurig sein haben wir später noch genug Zeit“. Wir cremen uns ja auch nicht mit After Sun ein, bevor die Sonne überhaupt aufgegangen ist, stimmts? Und dass wir als menschliche Wesen im Stande sind die gesamte Gefühlspalette gleichzeitig zu fühlen, auch darauf war ich vorbereitet. Aber nicht auf den letzten Tag und nicht auf das, was danach kommt.
Solange jemand da ist, der uns braucht ist stark sein recht leicht, schwer wird’s dann wenn’s ruhig wird. Dann kommen die Fragen, dann kommt die Wut und das schlechte Gewissen, darüber, dass der Alltag trotzdem weiterläuft. Dann fühlt es sich ironisch an, wenn die Sonne scheint, anstatt, dass der Regen fällt. Ist es verwerflich, wenn ich vermisse und zugleich sicher bin, dass das Leben weiter geht? Bin ich gefühlskalt, wenn ich traurig bin und trotzdem über einen Witz lache? Ist es absurd, wenn es sich gerade groß und unbezwingbar anfühlt, aber ich zugleich weiß, dass das vergeht? Wahrscheinlich nicht – das ist das Leben.
Oft scheinen unsere Kleinigkeiten so riesig, Termine so wichtig, Entscheidungen so endgültig – die unaufgeräumte Wohnung so überwältigend, die Frage was ziehe ich an so bedeutend und ein Vortrag so unbezwingbar. Und das ist okay, wenn uns etwas beschäftigt ist es das mehr als Wert hinzuschauen, weil Gefühle keinen Unterschied zwischen Kleinigkeiten und „Riesigkeiten“ machen. Und doch wird uns erst dann bewusst, wie nichtig diese Kleinigkeiten sind, wenn es um was wirklich Wichtiges geht – so wie um dich mein Tex.
„Was soll ich sagen Mama…?“
Für dich Mami wars besonders schwer. Ich hätt’ dir gern gesagt, das vergeht. Die Zeit heilt alle Wunden, das heißt es ja oft. Doch wenn mir die Zeit mit unserm lieben Tex was gezeigt hat, dann dass die Zeit gar nichts heilt. Die Zeit heilt gar nichts, weil da nichts ist, das heilen muss. Verlust darf schmerzhaft sein, Vermissen darf schwer bleiben und sich an jemand Geliebten oder die gemeinsame Zeit zurückerinnern darf einen bittersüßen Beigeschmack haben.
Wenn mich dieses Jahr eines gelehrt hat, dann, dass es meist nur halb so ernst, schlimm und bedeutend ist, wie es uns oft vorkommt. Ziemlich egal, was wir gerade erleben, über was wir uns Gedanken machen, vor was wir Angst haben – die Erde wird sich weiterdrehen und morgen wird ein neuer Tag beginnen; zumindest war das für mich nun mehr als ein ganzes viertel Jahrhundert der Fall. Und doch hat es bis heute gebraucht, dass mir das bewusst wurde (und das, obwohl ich ein 2000er Kind bin und mich eigentlich bestens mit nicht eingetroffenen Weltuntergansszenarien auskennen sollte). Das heißt nicht, dass Vergangenes keine Bedeutung hat, oder unwichtig ist. Nein, im Gegenteil, es bedeutet, dass manche Menschen, manche Fellnasen manche Begegnungen uns so viel bedeuten, dass sie weiter bestehen, auch wenn sie körperlich vergangen sind; dass sie uns so viel bedeuten, dass das Vermissen und der bittersüße Beigeschmack bleiben dürfen und wir trotzdem mit einem Lächeln an sie denken können. Denn trotz allem wird es weiter gehen und trotz allem bleibt das Leben schön. Oder wie es Roberto Benigni sagen würde: La vita è bella. (Große Empfehlung! Ein Film, der Leben verändert!)
La vita è bella, denn auf ein Neues wird morgen die Sonne aufgehen und die Erde wird sich weitedrehen. Auf ein Neues klatschen sich Mond und Sonne ab und zeigen uns es gibt wer auf uns Acht. Auf ein Neues werde ich dann darauf vertrauen, dass wenn Gott will, alles so gerecht, so glücklich, so zufrieden und gelungen ausgeht wie nur möglich. Auf ein Neues werde ich vermissen und auf ein Neues werde ich dann daran erinnert: was mir dieses Jahr gezeigt hat. Denn wenn mir dieses Jahr eines gezeigt hat, dann, dass die Welt sich weiterdreht und weiterdrehen darf.
„Was möcht’ ich also sagen…?“
In Anbetracht der Unendlichkeit hat alles, was wir erleben, nur für einen kleinen Moment Gewicht, wobei das wirklich Wichtige – wie die Bedeutung der Liebe – die menschliche Zeitrechnung und alles Materielle überdauern wird und für immer bleibt.
Es gibt auf der Erde so viel Schreckliches und trotzdem bleibt das Leben schön. Vermissen ist schwer und trotzdem bin ich froh dich lieb zu haben. Lang ist’s her und trotzdem bis du, mein Tex, irgendwie immer bei mir.
(17. März 2026)