Schmunzler to go die 5.
Spoiler: Heute wird’s ernster.
Das Leben schreibt die besten Geschichten, davon bin ich überzeugt. So viele Menschen sind Tag für Tag auf’s neue gespannt wie ihre Lieblingsserie weitergeht und können es vor Spannung nicht abwarten, bis ein Plot Twist die Darstellerinnen zum erhofften Ziel führt. Versteht mich nicht falsch – auch ich schaue Serien, auch ich fiebere mit hochgebundenen Haaren und Snacks auf der Couch mit, weine mir sowohl bei traurigen als auch schönen Filmszenen die Augen rot und mache alle um mich herum nervös, weil ich es nicht abwarten kann die immer nächste Folge zu sehen. Ich frage mich aber, warum diese Begeisterung für Serien, Filme und Influencer so fesselnd ist, während diese Hingabe im echten Leben viel zu oft – so scheint es mir – ausbleibt. Sollten wir nicht gerade im echten Leben neugierig bleiben, uns um das Wohl der anderen kümmern und nachfragen, was gerade so ab geht? Würde es unser Leben nicht um einiges bereichern, wenn wir etwas von der Begeisterung, die wir auf TikTok, Insta und Co., oder eben beim neuesten Kinofilm und dem Bestsellerroman zeigen, auch im echten Leben, beim Spaziergang durchs Dorf, bei alltäglichen Unterhaltungen oder dem nächsten Familientreffen mitbringen würden?
Folgt auf das erste Date ein zweites? Warum möchte Theo von nebenan im Familienurlaub ein Einzelzimmer? Und wer hat das Wochenende mit wem verbracht? Wie kann ich den Freund meines Mitbewohners unterstützen, weil es ihm gerade nicht gut geht? Und wie geht es dir…. wirklich?
Ja solche Fragen können mich Tage, um ehrlich zu sein, Wochen und Monate lang beschäftigen. Ich hasse und ich liebe diese Neugierde, die mich wie einen Detektiv immer wieder dazu bringt im echten Leben, bei echten Menschen nachzuhaken, wenn mich etwas interessiert. Und interessieren tut mich so ‘ne ganze Menge. Dass das nicht immer auf Begeisterung stößt, ist euch wahrscheinlich klar. Aber warum diese Eigenschaft auf fiktive Filme, geskriptete Serien und Co. angewandt gesellschaftlich so akzeptiert ist, während sie auf das waschechte Leben angewandt auf Unverständnis stoßt, ist mir bis heute rätselhaft.
Immerhin schreibt das echte Leben die spannendsten Geschichten – da kann kein Film, keine Serie, kein Youtube-Video mithalten. Und so sitze ich hier und überzeuge meinen Mitbewohner, dass es nicht schlimm ist, neugierig zu sein. Ja ich versuche ihm zu erklären, warum ich auch ein bisschen stolz drauf bin, dass ich neugierig bin. Und ich versuche mich selbst davon zu überzeugen, mir diese Eigenschaft nicht abzugewöhnen. Summa summarum, zeigt meine Neugierde doch, dass mich das echte Leben und die Menschen um mich herum nach wie vor begeistern, oder etwa nicht? Während ich auf der Couch liegend versuche meinen Standpunkt zu erklären, klingelt das Handy.
Wenn dich dein Papa nachts anruft und die Mama im Hintergrund weint, dann kannst du dir sicher sein, dass du nichts hören wirst, das dir gefällt. So geht es auch mir an diesem Abend.
Das Leben schreibt die schönsten Geschichten und die brutalsten auch. Nach jahrelanger Vernachlässigung ist unsere liebe Hündin Jovi – unsere Hexe – von meiner Mama anfangs übergangsweise als Pflegekind aufgenommen worden. Heute, zwei Jahre später, zählt die Hexe fix zur Familie. Das übergangsweise haben wir schon ziemlich am Anfang in „für immer“ abgeändert. Wahrscheinlich war unserer Hexe noch nie so glücklich wie jetzt und dann Diagnose Krebs. In der Lunge und im Herz. 2 Tage bis 2 Wochen geben ihr die Ärzte. Da kann einen schon der Glaube an Gerechtigkeit verlassen.
Das Leben schreibt die brutalsten Geschichten. Es gibt Tage an denen verliere ich den Boden unter den Füßen und verstehe die Welt nicht annähernd. Und auch heute scheint mir das alles ziemlich unbegreiflich. Manchmal verliert man jemand Lieben von einem Moment auf den anderen und manchmal bekommt man Vorlaufzeit. Ich stecke nun mitten in der Vorlaufzeit und weiß nicht wohin mit meinen Gedanken.
Rational scheint es mir noch richtig schwer, das alles zu glauben, mein erster Impuls wäre es gewesen zu sagen: „Das glaube ich erst wenn ich’s sehe“. Das habe ich mir dann verkniffen. Das Fell der Hexe hat nie zuvor so schön geglänzt wie jetzt, sie springt rum wie ein junges Reh und hat anders als die Jahre zuvor keine Schmerzen; als würde ihr gar nichts fehlen. Vielleicht wäre es in Zukunft nie mehr so schön für sie geworden; vielleicht ist die Hexe am allerbesten Punkt angekommen, den ihr diese Erde schenken kann. Es heißt ja schließlich, man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist. Tja, vielleicht passt das ganz gut. Dieser Gedanke ist friedlich, versöhnlich und zugleich tragisch. Das eine schließt das andere wohl nicht aus. Und so ist das auch mit meinen Gefühlen – bin ich zuhause tropfen Tränen über meine Wangen, mein Kopf ist leer. Bin ich bei der Hexe scheint mir hingegen alles so klar – das Leben ist ein Geschenk. Ein wundersames Geschenk auf Zeit, mit Liebe die diese Zeit überdauert.
Damals, in meiner Kindergarten- und Grundschulzeit bin ich nachts oft wachgelegen und habe mir den Kopf darüber zerbrochen, dass es das Alles, die Erde, mich, meine Familie nicht geben könnte. Was, wenn das alles nur ein Traum ist und meine Träume die Wirklichkeit sind? Was, wenn ich eines Tages aufwache und in der Dunkelheit des Universums schwebe? Dieser Gedanke machte mir Angst. Auch heute finde ich den Gedanken, dass die Erde im Universum kreist, nicht sehr beruhigend – zugleich ist mir heute klar, was für ein Wunder es ist, dass es diese Erde überhaupt gibt. Was für ein wundersames Geschenk es ist, dass wir auf dieser Erde leben dürfen.
Auch unsere Hexe hat das Geschenk bekommen ein wenig auf dieser Welt zu sein und ein wenig dieser Zeit an einem, wie ich finde, wunderbaren Ort zu verbringen – mit Menschen und Fellnasen die sie über alles lieben. Das ist mir wohl bewusst und dennoch ist es verdammt schwer.Bin ich traurig genug, auch wenn ich nicht jeden Tag weine? Bin ich sensibel genug, auch wenn ich weiterhin meiner Arbeit nachgehe und mich über Kleinigkeiten aufrege? Bin ich dankbar genug, auch wenn mich die Tatsache, dass die Hexe jetzt krank ist, so wütend macht? Bin ich im Glauben genug gefestigt, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wo meine liebe Hexe nach dem Tod sein wird?
Früher, als ich selbst noch ein Kind war, habe ich mich immer gewundert, warum Kinder auf Beerdigungen nicht die ganze Zeit weinen. Ja ich fand es fast verwerflich, wenn sie mir zu lachten. Etwas später als Ministrantin musste ich mir dann aber selber das Lachen verkneifen; beispielsweise dann, wenn der Trauerzug von Leuten eine Kurve machen musste, weil ein riesiger Misthaufen auf der Straße lag. Heute weiß ich, dass es sich psychologisch gesehen wahrscheinlich um Abwehrmechanismen handelt – um an der Trauer nicht kaputt zu gehen und so. Aber wahrscheinlich ist das nur die Halbe Erklärung. Ich bin überzeugt, der Mensch ist nicht dazu geschaffen „nur“ eine Emotion zu fühlen oder „nur“ traurig zu sein. Und vielleicht dürfen wir uns selbst zugestehen, dass Gefühle andere Gefühle nicht ablösen müssen sondern zeitgleich existieren können. So wie ich in der Lage bin erschüttert über die Nachrichten im Radio zu sein und gleichzeitig erfreut darüber bin, dass die Pizza im Ofen fertig gebacken hat.
Wenn mir diese Vorlaufzeit mit unserer Hexe etwas gezeigt hat, dann dass dich keine Vorlaufzeit wirklich vorbereiten kann und dass es wohl oder übel eine Gleichzeitigkeit gibt und geben darf. Ich darf traurig sein und zugleich darf ich auch entscheiden, wann und wie tief. Manchmal macht es mehr Sinn, erst dann traurig zu sein, wenn es so weit ist und jetzt genau so wie es die Tiere tun im Hier und Jetzt zu leben. Ich darf Angst davor haben ein geliebtes Lebewesen zu verabschieden und zugleich darf ich mich dafür entscheiden die gemeinsame Zeit freudig zu genießen. Ich darf weinen und lachen, tanzen und in die Luft boxen zugleich. Ich darf mit einem Teil meines Herzens immer bei der Hexe sein und einen weiteren Teil in mir weiterhin den Alltag mit seinen belanglosen Ups und Downs meistern lassen. Ich darf optimistisch bleiben und trotzdem eine verdammt schwere Zeit haben. Weil das eine schließt das andere nicht aus. Und vielleicht ist gerade das Glaube: sich sicher zu sein, dass in Summe immer das Gute und die Liebe siegt bzw. schon längst gesiegt hat. Sich dafür zu entscheiden darauf zu vertrauen, dass alles einen höheren Sinn hat und das Leben gut ist auch wenn es sich in diesem kleinen Moment ziemlich kacke anfühlt.
Ich für mich werde mir jetzt Musik anmachen, alle Tränen raus lassen, während her Pizza für meine Mama und meinen Papa backen und dann mit einem Lächeln voller Dankbarkeit zu meiner Hexe fahren, um sie so richtig abzukuscheln und ihr zu sagen, dass alles gut wird. Was auch immer das bedeuten mag, werden wir dann schon noch rausfinden.
Denn das Leben schreibt die brutalsten Geschichten und die schönsten auch. So tragisch die Nachricht, so viele Tränen, so viel Verzweiflung – so erfüllend die gemeinsame Zeit, so viel Liebe, so viel Dankbarkeit, so viel das bleibt…
(13. November 2025)