Schmunzler to go die 3.
Kinder können es noch richtig gut: im Moment verweilen. Sie zelebrieren Begegnungen, beobachten das Leben und freuen sich an kleinen Wundern des Augenblicks. Wer kennt es nicht; wo Kinder sich begegnen, gibt es bald „beste Freunde“. Das funktioniert dann auch bei Steinen, Blättern, und ganz besonders bei Regenwürmern, Eidechsen und Feuerwanzen. Und auch wenn diese Begegnungen oft von kurzer Weile sind, so prägen sie die Entwicklung der Kinder auf einzigartige Weise.
Da kommt mir sogleich das Kichern meiner Mami in den Sinn, wenn sie von meinen früheren Sandkastenfreunden erzählt und ich betone, dass ich keinen Plan hab‘, wer die halbnackigen Kinder in unserem Fotoalbum sind. Trotzdem bleiben die Fotos, auf denen ich mir gemeinsam mit ihnen mehr Sand in den Mund stopfe als in den Sandkübel, im Fotoalbum – das hat meine Mami beschlossen. An meine Brieffreundin kann ich mich hingegen noch genau erinnern. Sie war die einzige, an die ich gerne meine Diedel-Blätter verschenkt hab‘ (nur die, die ich mindestens zweimal hatte versteht sich). Und nie werde ich unser erstes Haustier vergessen… ein wirklich liebenswertes Exemplar von einem Regenwurm. Leider wussten mein Bruder und ich damals noch nicht, dass Regenwürmer nicht schwimmen können.
Lange Rede, etwas Sinn… vielleicht können wir in puncto bedingungsloser Liebe eine Menge von Kindern lernen. Und darum geht‘s heute – um meinen Lieblingsmensch und darum, dass Liebe auch dann wertvoll bleibt, wenn sie einen einzigen Moment andauert…
Dafür möchte ich aber etwas ausholen. Heute ist nämlich das erste Mal seit langem; das erste Mal seit langem, dass ich daran denke, wie ich meinen Lieblingsmensch kennengelernt habe. Und das erste Mal seit langem ist Valentinstag an mir vorbeigezogen. Dieser für viele so besondere Tag ist an mir vorbeigezogen; ohne, dass mich jemand mit Blumen, Schoki oder der Aufforderung „Anziehen. Mitkommen!“ daran erinnert hat. Keine Überraschung, kein Date, kein bewusstes romantisieren von Me-Time und auch keine Ablenkungsverabredungen mit Freunden. Und so absurd das klingen mag: ich bin fein damit.
Ich muss mich nur immer wieder daran erinnern, dass auch die entsetzten Blicke und verwunderten Fragen der anderen nichts daran ändern. So wie auch damals in 2019 die Fragen der anderen nichts geändert haben. Damals, als ich und mein Lieblingsmensch uns kennengelernt haben. Damals, als mich gefühlt alle Bekannten, meine und seine Verwandten gefragt haben, ob wir nun zusammen – ein Liebespaar – sind. Um ehrlich zu sein, hat mich diese Frage nicht sonderlich interessiert und ich konnte sie gekonnt ignorieren, bis dann auch er damit begonnen hat, sie zu stellen. Weil er kein Mann der großen Worte ist, umschrieb ich’s für ihn mit einem Schulterzucken. Aber eigentlich meinte ich damit:
Heute geht’s um dich mein Lieblingsmensch. Um dich und mich und das, was das zwischen uns ist; denn sicher bin ich mir da nicht. Und normalerweise würd’s meine Gedanken voll und ganz beanspruchen, dass unsere Liebe nicht so ist, wie sie sich mein zehnjähriges Ich einst vorgestellt hat. Aber weißt du, auch mein zehnjähriges Ich ist gewachsen, hat so manche Sonnen- und so manche Regentage erlebt, hat sich verloren und sich gesucht, sich zum Teil gefunden und immer wieder neu erfunden….
Und ja, wahrscheinlich hab’ ich dich lieb; aber sicher bin ich mir da nicht. Alles, was ich über Liebe gehört habe, spricht dafür. Alle Romane, die ich gelesen habe, dagegen. Wir leben in einer auf Wahrscheinlichkeit begründeten Welt. Und wahrscheinlich gibt’s diese Welt und dich und mich wirklich; aber sicher bin ich mir da nicht. Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass mir das reicht.
Für diesen kleinen Augenblick reicht es, wenn ich dich wahrscheinlich liebe und es dich und mich – ein wir – wahrscheinlich auch wirklich gibt. Und was im nächsten Augenblick geschieht, werden wir schon merken; hoffe ich. Denn heute liebe ich dich… und Beständigkeit brauche ich nicht. Vielleicht bist du bereit, dass ich im Gegenzug für einen Moment deine Liebe krieg?
Denn ja, wahrscheinlich hab’ ich dich, so wie du heute bist, auch in hundert Jahren noch lieb; aber sicher bin ich mir da nicht, weil Liebe nicht mit Verstand zu beschreiben ist und Sicherheit in unserer Welt durch Nahezu-Wahrscheinlichkeiten berechnet wird…
Darum ist es so mein Lieblingsmensch: Heute liebe ich dich und morgen entscheide ich mich dafür, dich einen weiteren Moment zu lieben… und am nächsten Morgen einen weiteren.
Ja, das Leben besteht aus vielen kleinen Momenten. Und auch wenn die meisten von ihnen, ähnlich wie viele Kinderfreundschaften, nur eine kurze Weile andauern, so kann die Erinnerung an sie doch unser ganzes Leben bereichern. Ich denke gerne zurück, wie ich meinen Lieblingsmensch kennengelernt hab‘. Ich denke gerne zurück, wie schick er sich für meinen Maturaball gemacht hat. Ich denke gerne zurück, wie mein Opa einst zu meinem Lieblingsmensch (damals noch ein ganz normaler Kumpel) sagte, er solle gut auf mich aufpassen – und zwar kurz nachdem ich meinem Opa meinen damaligen Freund vorgestellt hatte und beide Jungs wohlbemerkt nebeneinanderstanden. Ja, mein Opa wusste es im Moment zu leben und den davor erlebten gänzlich zu ignorieren, den darauffolgenden wahrscheinlich auch. Das schweigende Entsetzen in der Runde hat er nämlich charmant weggelächelt. Er wusste damals schon mehr als alle anderen. Vielleicht hat er deshalb nie mit entsetztem Blick zu mir geschaut, oder mir verwundert Fragen gestellt.
Wahrscheinlich hat er bereits gewusst, wie das alles endet. Für alle anderen: Achtung Spoiler-Alarm! Denn auch wenn das zwischen uns – zwischen dir und mir, mein Lieblingsmensch – nicht für Ewig so sein wird wie vor sechs Jahren, wird es mir jede Sekunde Wert sein. Jeder Streit, jede Träne, jede schlaflose Nacht. Denn jetzt gerade, jetzt, habe ich einen Moment und ich entscheide mich in diesem Moment für die Liebe. Für die Liebe in all ihren Formen und Variationen mit all ihren Veränderungen, weil Liebe in all ihren Facetten auch dann wertvoll bleibt, wenn sie einen einzigen Moment andauert – mir egal, wie der Rest der Welt es dann nennen mag. Jetzt gerade entscheide ich mich meinen Lieblingsmensch zu lieben. Auch wenn es eine andere Form von Liebe ist als damals und auch wenn das bedeutet, dass ich mich an unsere Abmachung halte und ihm seine ganze Hälfte vom selbstgebackenen Schokokuchen übriglasse.
(Februar 2025)