Schmunzler to go die 2.

Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht“, das habe ich neulich in einem Workshop gehört. Stimmt wahrscheinlich. Immerhin ist es schnell passiert und die ganzen Grasbüschel liegen erschöpft auf der Wiese anstatt, dass sie – mit den Wurzeln fest in der Erde verankert – tüchtig Richtung Sonne wachsen.

Wo endet also das höher, schneller, weiter, dass den Wenigsten von uns noch unbekannt ist? Der Anspruch nach „immer besser und wenn nicht besser, dann zumindest nicht schlechter“, von dem auch ich mich häufig nicht lösen kann. Wenn du dir jetzt eine klare Antwort erwartest, musst du wohl oder übel weitersuchen; von mir wirst du sie nicht erhalten. Immerhin wäre jedes absolute, für unausweichlich deklarierte Szenario eine reine Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn nicht gar eine naive Vermutung. Die Gemeinschaft, das Miteinander, unser aller Leben auf Erden ändert sich von Augenblick zu Augenblick. Und mit dieser Veränderung wandelt sich auch die Zeit: die Zeit als Geschenk, als Druck, als Ansporn, als begrenzt und endlich, Zeit als Hinweis auf die Vergänglichkeit, …

Zeit kann viele Gesichter, Formen, Farben, Grautöne und Auswirkungen haben; all jene die wir ihr zugestehen. Wenn ich so drüber nachdenke, hatte mein Opi in meinen Augen viel zu wenig Zeit auf dieser Erde, viel zu wenig Zeit mit uns. Er hat uns stets versichert, er werde 103. Und ich, mit meiner kindlichen Zuversicht, hab’ ihm beim Wort genommen.  Glaubt man der offiziellen Dokumentation waren es keine 103 Jahre, bis wir ihn verabschieden mussten. Das hat mir zunächst Kopfzerbrechen bereitet: Wie kann ein gestandener Mensch sich einer Sache so sicher sein, dass er sie wie etwas selbstverständliches rausposaunt, und dass obwohl er eigentlich Gitarrist und Sänger und kein Posaune-Spieler ist. Und wie kann es dann sein, dass es doch nicht so eintritt wie vorab posaunt. Klar kann es sein, dass das Leben andere Pläne hatte; oder was schief gelaufen ist…. Gründe gebe es wohl etliche. Was mir aber ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, ist die Tatsache, dass mein Opi auf die Frage „Wie alt wirst du?“ stets mit 103 geantwortet hat. Hundertdrei, nicht hundertdrei Jahre, nicht hundertdreimal Geburtstagskerzen auspusten, nicht hundertdreimal Neujahr erleben, nein, hundertdrei. Ich kann euch nicht sagen, in welcher Einheit dieser höchst charmante Mann gerechnet hat, aber die Gewissheit, dass es nicht zwingend offizielle Jahre waren ist doch höchst befriedigend; zumindest für mich. 

Immerhin haben wir genau die Zeit, die wir uns nehmen. Insbesondere Kinder leben diese Gewissheit mit einer Selbstverständlichkeit, von der viele Erwachsene nicht einmal dann träumen, wenn sie Zeit zum Schlafen gefunden haben. Ein sechsjähriges Mädchen hat mir beim Activity-Spielen mal was erklärt, das zahlreiche Wissenschaftler in ihrer Weisheit übertrifft:

Wir sitzen auf dem Boden, ich bin an der Reihe das Wort Zeit zu erklären, ohne es auszusprechen. Auf meinen zwar erfolgreichen, rückwirkend, aber sehr naiven Versuch Zeit durch die Worte „man kann sie auf der Uhr ablesen und meistens haben wir zu wenig davon“ zu beschreiben, hat mir das Mädchen mit weit aufgerissenen Augen geantwortet: „Das stimmt doch nicht, wir haben immer Zeit, besonders im Urlaub, da haben wir so viel Zeit wie wir wollen; für alles, was wir wollen“.  Und als wäre das nicht eindrücklich genug, hat sie ihre Worte mit einem entsetzten Kopfschütteln bestärkt. Mein erster Impuls war „wow“ mein zweiter „die ist wohl noch nie vom Urlaub wieder nachhause gefahren“.

Aber seien wir ehrlich wir haben Zeit; Zeit, die uns gegeben ist; Zeit, die wir uns nehmen; Zeit, die wir schenken; Zeit, zum Grübeln und Zeit zum glücklich sein…. Und es bleibt uns überlassen, wie wir sie zählen, einteilen, aufhalten, verlangsamen oder beschleunigen.

Und wenn mein Opi 103 werden wollte, oh ja, dann trau ich ihm das auch zu. 103 wertvolle Begegnungen, 103 herzzerreisende Umarmungen, 103-mal verliebt in das Leben, 103 Höhen und Tiefen, 103-mal vom Sonnenregen die Nase geküsst, 103-mal Lebensmut gesammelt, 103-mal sein Lieblingslied gehört, oder 103-mal spontan für einen Tag ans Meer gefahren um den Sonnenuntergang zu sehen….

Und wenn jeder 103 bekäme, es bliebe doch jedem selbst überlassen mitzugestalten was diese Hundertdrei aus- und bedeutend machen. 

Das ist sicherlich kein Aufruf ab heute zu allen Terminen und Verabredungen zu spät zu kommen, da hilft`s wahrscheinlich wenig, wenn ihr zur Begründung „103“ sagt; Stress gibt’s dann wohl doch. Vielmehr gibt mir diese wundersame Zahl den Mut mir Zeit zu nehmen, Zeit zu geben und Zeit zu zelebrieren, indem ich sie Tag für Tag und immer mal wieder selbstbestimmt gestalte oder einfach mal Beiseite bleiben lasse.

Und selbst wenn es für zwei Tage im Jahr reicht, an denen ich aufstehe, wenn ich nicht mehr müde bin, an denen ich esse, wenn mir danach ist und das mache nach dem ich mich fühle, und zwar genau so lange wie ich Bock drauf hab – ohne die ach so famose Zeit auf meiner Uhr zu beachten, dann spüre ich, dass es sich gelohnt hat, immer wieder von dieser wundersamen 103 zu hören.

(Herbst, 2023)

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